Praxisorientierte und wissenschaftliche Fachtexte
Fachliteratur suchen mit Google Scholar, Scirus etc. pp.
Spätestens seit dem Start von Google Scholar (November 2004) bietet sich an, Fachliteratur über ein neues Thema zunächst im Internet zu suchen und erst danach andere Möglichkeiten zu nutzen - insbesondere wissenschaftliche Bibliotheken, um Volltexte zu beschaffen und auszuwerten.
Aus diesem Grund bespreche ich in den folgenden Abschnitten die nach meiner Einschätzung bedeutendsten wissenschaftlichen Suchmaschinen. Hierbei konzentriere ich mich auf allgemeine wissenschaftliche Suchmaschinen, das heißt auf solche, die alle Fachgebiete abdecken. Eng fokussierte Angebote (wie Suchmaschinen für Literatur über Informationstechnologie) erwähne ich daher nur sehr kurz.
Die bekannten wissenschaftlichen Suchmaschinen sind in den letzten Jahren häufig getestet worden. Hierbei hat sich unter anderem herausgestellt, dass Sie für eine bestimmte Suchanfrage, je nach Suchmaschine, mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ergebnissen rechnen müssen.
Sinnvoll ist daher, sich bei der Literatursuche nicht nur mit Google Scholar zu begnügen, sondern möglichst viele Angebote zu nutzen.
Google Scholar (scholar.google.de)
Google Scholar berücksichtigt praxisorientierte und wissenschaftliche Fachtexte, neben Aufsätzen aus wissenschaftlichen Zeitschriften unter anderem auch Seminararbeiten, Fachbücher und Informationstexte wie Fachartikel und Ratgeber.
Google Scholar ist als Volltextsuche konzipiert und indexiert auch kostenpflichtige Dokumente, auf die Sie nur zugreifen können, wenn Sie über die nötigen Zugangsdaten verfügen oder eine Bibliothek nutzen.
Präzise Angaben zur Datenbasis von Google Scholar fehlen.
Wichtige Merkmale von Google Scholar:
1. Die Datenbasis von Google Scholar ist breiter als die der anderen wissenschaftlichen Suchmaschinen, weil Google Scholar alle Arten von Fachtexten berücksichtigt.
2. Für die Suche nach frei zugänglichen Volltexten ist Google Scholar meines Erachtens die beste wissenschaftliche Suchmaschine.
Beispiele:
Sie haben mit einer anderen Suchmaschine einen kostenpflichtigen Artikel aus einer Fachzeitschrift gefunden. Auf der Website von Google Scholar geben Sie den Titel des Artikels ein, setzen den Titel in Anführungszeichen und drücken die Eingabetaste. Wenn Sie Glück haben, finden Sie eine frei zugängliche Version des Artikels.
Im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek stoße ich auf das »Handbuch Internet-Suchmaschinen« (herausgegeben von Dirk Lewandowski, Heidelberg, 2009). Zum Datensatz gehört ein Inhaltsverzeichnis, dem ich entnehmen kann, dass das Buch einen Beitrag enthält, der mich interessiert: »Wissenschaftliche Dokumente in Suchmaschinen« von Dirk Pieper und Sebastian Wolf. Ich entdecke mit Google Scholar eine frei zugängliche PDF-Version dieses Buchkapitels.
Ich suche die Volltextversion des von mir geschriebenen Buchs »White-Paper-Leitfaden«. Mit Google Scholar werde ich leider nicht fündig. Ich nutze daher die erweiterte Suche von Google.de und gebe im Feld »mit der genauen Wortgruppe« den Titel ein und wähle als Dateiformat »PDF«. Google.de findet die gewünschte Datei.
3. Google Scholar liefert auch Quellenangaben, die auf der deutschen Benutzeroberfläche als »Zitate« bezeichnet werden.
Beispiel:
Ich verwende als Suchwort »Plagiat« und erhalte als erstes Ergebnis: »[Zitation] Das Plagiat in der griechischen Literatur / E. Stemplinger - 1912«. Auf der Website https://portal.d-nb.de sehe ich nach Eingabe von »Stemplinger Plagiat«, dass es sich hierbei um ein Buch aus dem Jahre 1912 handelt, das 1990 in einer Neuauflage erschienen ist.
4. Google Scholar verweist zu jedem Suchergebnis auf »ähnliche Artikel«. Dies ist vor allem hilfreich, wenn Sie ganz am Anfang Ihrer Recherche stehen und sich zunächst orientieren wollen.
Was Google unter Ähnlichkeit versteht, bleibt in der Google-Scholar-Hilfe unbeantwortet. Im Zusammenhang mit Scirus werden Sie jedoch sehen, dass man den Begriff der Ähnlichkeit auf sinnvolle Weise operationalisieren kann.
5. Mit Google Scholar lassen sich einzelne Zeitschriften durchsuchen. Hierzu nutzen Sie die erweiterte Suche und schreiben den Namen der zu durchsuchenden Zeitschrift in das Feld »Veröffentlichung«.
Beispiel:
Ich suche in der Zeitschrift »Journal of Accountancy« nach Artikeln zum Thema »skimming«. In der erweiterten Suche von Google Scholar schreibe ich in das Feld »mit der genauen Wortgruppe« skimming und in das Feld »Veröffentlichung« Journal of Accountancy. Auf diese Weise erhalte ich acht Treffer.
Dies ist wenig. Außerdem weist Google Scholar nur eines der acht Dokumente als frei zugänglich aus. Für die übrigen sieben Dokumente sehe ich nur Links zu Textauszügen.
Ich gehe daher zur Website www.journalofaccountancy.com und merke ziemlich schnell, dass sämtliche Artikel des Journal of Accountancy frei zugänglich sind. Außerdem hat die Website eine Suchmaschine, mit der ich alle Ausgaben des Journal of Accountancy durchsuchen kann. Ich wähle die erweiterte Suche, verwende hier das Suchwort »skimming« und wähle als Format »Article«. Ich finde jetzt 16 Artikel, also doppelt so viele wie mit Google Scholar.
Wenn Sie eine Zeitschrift durchsuchen wollen, sollten Sie demnach mehrere Suchmaschinen verwenden, nicht nur Google Scholar.
Mein Beispiel ist ein Extremfall; Google Scholar liefert häufig sehr viel bessere Ergebnisse. Außerdem hat nicht jede Fachzeitschrift eine so gute Suchfunktion wie das Journal of Accountancy.
6. In Google Scholar können Sie die Suche zeitlich einschränken. Dies ist allerdings nur empfehlenswert, wenn Sie vorher geprüft haben, ob Google Scholar die für Sie interessanten Dokumente zeitlich einordnen kann.
Beispiel:
Ich suche in Google Scholar nach »Textplagiat« und finde in der Trefferliste unter anderem mein Buch »Ratgeber Text-Plagiat« (1. Ausgabe: 2008). Ich beschränke die Suche jetzt auf die Zeit nach 1970 und merke, dass mein Buch nicht mehr in der Trefferliste erscheint.
Scirus (www.scirus.com)
Scirus gehört neben Google Scholar zu den wissenschaftlichen Suchmaschinen mit der breitesten Datenbasis.
Scirus ist im Gegensatz zu Google Scholar stärker auf wissenschaftliche Texte fokussiert. Scirus berücksichtigt
- Journal Sources (wissenschaftliche Fachzeitschriften)
- Preferred Web Sources (wissenschaftliche Internet-Archive und Dokumentenserver)
- Other Web Sources (andere Internetseiten mit Wissenschaftsbezug)
Alle drei Kategorien sind in den Rubriken »About us« und »Help« ausführlich beschrieben.
Scirus ist ebenso wie Google Scholar als Volltextsuche konzipiert und indexiert auch kostenpflichtige Dokumente, insbesondere aus wissenschaftlichen Zeitschriften.
Wichtige Merkmale von Scirus:
1. Scirus bietet mehr Suchmöglichkeiten als Google Scholar. In der erweiterten Suche können Sie einstellen, in welchen Kategorien Sie suchen wollen, zum Beispiel nur in den Journal Sources und den Preferred Web Sources. Außerdem können Sie festlegen, ob Sie zum Beispiel sämtliche Journal Sources durchsuchen wollen oder nur einzelne Kollektionen, etwa nur ScienceDirect und MEDLINE/PubMed.
2. Sie können die Suche auf bestimmte Dokumentarten beschränken, zum Beispiel auf Patente oder Dissertationen.
3. In der erweiterten Suche kann die Recherche auf einzelne Fachgebiete eingegrenzt werden, zum Beispiel auf Computer Science oder Engineering, Energy and Technology. Dies scheint ordentlich zu funktionieren, zumindest bei den Journal Sources und vermutlich auch bei den Preferred Web Sources.
4. Scirus prüft automatisch, welche Wörter (oder Wortgruppen) in den Suchergebnissen am häufigsten vorkommen. Diese Wörter werden in der Box »Refine your search« angezeigt. Durch Anklicken können Sie die Suchanfrage verfeinern.
5. Scirus zeigt zu jedem Suchergebnis »similar results«, die vermutlich nach einem anderen Verfahren ermittelt werden als bei Google Scholar.
Beispiel:
Sie suchen in Scirus mit einem bestimmten Suchwort und betrachten Suchergebnis fünf. Scirus hat zu diesem Suchergebnis automatisch Keywords ermittelt und eine neue Suche gestartet: Ihr Suchwort in Kombination mit den Keywords zu Suchergebnis fünf. Hierdurch haben sich laut »Scirus help« die »similar results« zu Suchergebnis fünf ergeben.
Die »similar results« zu einem interessanten Dokument sind daher beachtenswert.
6. Sie haben die Möglichkeit, die Suchergebnisse zu sortieren, entweder nach Relevanz (Standardeinstellung) oder nach »Date«.
Die zeitliche Zuordnung scheint bei Scirus ordentlich zu funktionieren. Unklar ist allerdings, ob Scirus mit »Date« immer das Gleiche meint - im Fall eines Zeitschriftenaufsatzes ist vermutlich das Publikationsdatum gemeint und im Fall einer frei zugänglichen Internetseite möglicherweise das Datum der Aufnahme in den Scirus-Index.
7. Sie können die für Sie bedeutsamen Suchergebnisse markieren und zum Beispiel per E-Mail versenden.
WorldWideScience.org (www.worldwidescience.org)
World Wide Science ist die wissenschaftliche Suchmaschine der World Wide Science Alliance, der unter anderem die TIB Hannover angehört, die nach eigenen Angaben weltweit größte Fachbibliothek für Technik und Naturwissenschaften.
Die von World Wide Science berücksichtigten Datenbanken und Portale sind auf der Website aufgelistet. Sie suchen mit World Wide Science sowohl in Bibliothekskatalogen als auch in den Volltexten von frei zugänglichen wissenschaftlichen Dokumenten.
Auf der Website findet sich eine umfangreiche Anleitung zu den Möglichkeiten der einfachen und erweiterten Suche.
Ein besonderes Merkmal von World Wide Science ist die Multilingual Search: Sie geben eine Sprache vor, zum Beispiel Deutsch, und suchen dann mit Ihren deutschsprachigen Suchwörtern auch in französischen, russischen, chinesischen und japanischen Texten. Ihre Suchwörter werden hierzu automatisch übersetzt.
Wie gut die Multilingual Search funktioniert, können Sie abschätzen, indem Sie mit deutschen Suchwörtern nach englischsprachigen Publikationen suchen. Sie werden hierbei merken, dass die Multilingual Search nicht ausgereift ist, aber durchaus zu brauchbaren Ergebnissen führen kann, wenn Sie Suchwörter wählen, die eine klare Bedeutung haben.
Eine Schwäche von World Wide Science und anderen wissenschaftlichen Suchmaschinen besteht darin, dass die Suchmöglichkeiten hier manchmal weniger gut sind als in den von diesen Suchmaschinen berücksichtigten Datenbanken und Portalen.
Beispiel:
Durch eine Suchanfrage auf World Wide Science suchen Sie auch im Informationsangebot der TIB Hannover. Wenn Sie jedoch das Portal der TIB Hannover nutzen - www.getinfo.de - merken Sie schnell, dass Sie hier bessere Suchmöglichkeiten haben und zusätzliche Angebote nutzen können, unter anderem die Kataloge Medizin und Agrar, die Informations- und Wissensplattform Chemie (www.chem.de) sowie die virtuellen Fachbibliotheken Mathematik (www.vifamath.de), Physik (www.vifaphys.de) und Technik (www.vifatec.de). Außerdem finden Sie auf GetInfo gute Hinweise, insbesondere für die Suche nach Patenten.
OAIster (oaister.worldcat.org)
OAIster hat nach eigenen Angaben rund 25 Millionen wissenschaftliche Dokumente indexiert (Stand: September 2010, Quelle: www.oaister.org). OAIster berücksichtigt keine Volltexte, sondern nur Metadaten, insbesondere den Titel, den Namen des Verfassers, das Erscheinungsjahr und die Keywords.
Die Suche mit OAIster funktioniert ähnlich wie die Suche in einem Bibliothekskatalog. In einem Bibliothekskatalog durchsuchen Sie die vorhandenen Datensätze und nicht die in der Bibliothek verfügbaren Bücher und Zeitschriften.
BASE (base.ub.uni-bielefeld.de)
BASE ist nach eigenen Angaben »eine der weltweit größten Suchmaschinen speziell für frei im Sinne des Open Access zugängliche wissenschaftliche Dokumente im Internet« und erschließt auch Quellen, »die in kommerziellen Suchmaschinen nicht indexiert werden oder in deren großen Treffermengen untergehen.«
BASE indexiert in erster Linie den Content von Dokumentenservern, die auch als Repositories oder Repository-Server bezeichnet werden. Hierzu gehören insbesondere Server von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, auf denen zum Beispiel Dissertationen, Working Papers und Aufsätze veröffentlicht werden. Die von BASE berücksichtigten Dokumentenserver sind auf der Website aufgelistet.
BASE erfasst, ähnlich wie OAIster, in der Regel nur die Metadaten der indexierten Dokumente. Ein Vorteil von BASE sind die im Vergleich zu OAIster wesentlich besseren Suchmöglichkeiten.
IngentaConnect (www.ingentaconnect.com)
IngentaConnect ist eine Plattform für den Verkauf von Artikeln aus wissenschaftlichen Zeitschriften. Die Datenbank berücksichtigt nach Angaben des Betreibers rund 4,5 Millionen Artikel aus 13.500 Publikationen (Stand: September 2010).
Sie können für jede Publikation nachsehen, welche Jahrgänge in der Datenbank enthalten sind.
Mit der Advanced Search können Sie unter anderem einzelne Zeitschriften durchsuchen.
Andere wissenschaftliche Suchmaschinen
Erwähnenswert sind drei auf Informationstechnologie fokussierte Suchmaschinen:
1. Microsoft Academic Search (academic.research.microsoft.com)
2. CiteSeerX (citeseerx.ist.psu.edu)
3. The Collection of Computer Science Bibliographies (liinwww.ira.uka.de/bibliography)
Interessant ist auch HighWire, highwire.stanford.edu, eine wissenschaftliche Suchmaschine mit den Schwerpunkten Medizin und Biologie.
Weitere wissenschaftliche Suchmaschinen finden Sie in der englischsprachigen Ausgabe der Wikipedia.
Geschrieben von Rainer Hastedt
Stand: 29. September 2010
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